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Um Lawinenopfer finden und rechtzeitig bergen zu können, sollte man im Rahmen eines speziellen Kurses die Verschüttetensuche lernen.

Verschüttet

Nur 15 Minuten hat man Zeit, um einen von einer Lawine verschütteten Menschen zu finden und zu bergen. Lawinenopfer Patrick Greimel rät daher allen, die im Winter Touren unternehmen, regelmäßig die Kameradenrettung zu üben.

Text & Fotos: Patrick Greimel, Tourenführer, Bergretter, Vortragender beim Naturfreunde-Lawinensymposium

 

Ich setze zu einem Rechtsschwung an, als ich aus dem Augenwinkel bemerke, dass etwas Großes auf mich zukommt. Plötzlich geht alles ganz schnell. Mit einer noch nie zuvor erlebten Wucht werde ich aus dem Gleichgewicht gerissen und in die Tiefe gezogen. Ich befinde mich im freien Fall, kurz darauf stoppt meine Fahrt.

 

Es ist ganz still, ich öffne meine Augen. Ein monotones, helloranges Bild eröffnet sich mir. Meine Schibrille ist verrutscht, ich will sie zurechtrücken. Keine Chance, meine Hände stecken fest! Mein Puls ist auf Anschlag, ich ringe nach Luft und will mich bewegen. Doch ich bin wie einbetoniert, gefangen in einer Lawine! Meine Gedanken beginnen zu rotieren. Was ist mit meinem Bergkameraden Josef passiert? Wurde er auch verschüttet? Er ist meine einzige Hoffnung. Ich muss meinen Atem beruhigen, denn in absehbarer Zeit wird der Sauerstoff in der Atemhöhle verbraucht sein. Was ist, wenn auch Josef unter der Lawine ist? Ich habe Angst! Ich werde hier sterben!

 

Mit dem Leben abgeschlossen

Diesen Lawinenunfall erlebte ich im Rahmen meiner Kasachstan-Reise. Kasachstan hat eine Bergwelt, die ihresgleichen sucht. Am Tag des Lawinenunglücks beschlossen Josef und ich, eine Schitour auf den 4147 m hohen Molodyozhniy zu unternehmen. Das Spuren ging gut, und wir kamen flott voran. Es begann es zu schneien, und die Sicht wurde schlecht. Wir drehten um und fuhren entlang der Aufstiegsspuren ab. Bei einer Kehre hielten wir an. Unter uns eröffnete sich ein Hang mit mäßiger Steilheit. Der Schneefall ließ nach, und eine Einschätzung des Hanges wurde möglich.

 

Wie kommt man zu dem Entschluss, einen Hang zu befahren, wenn es keinen Lawinenlagebericht gibt? Wir vertrauten unserem Instinkt, der durch die zuvor unternommenen Touren, die Untersuchungen der Schneedecke und die kaum wahrnehmbare Lawinenaktivität geprägt war. Für uns beide stand die Entscheidung fest: Wir befahren den Hang - einzeln. Ich startete im linken Bereich. Das Gefühl war gut, ich ließ die Bretter laufen. Ungefähr 100 Meter unterhalb von Josef setzte ich zu dem besagten Rechtsschwung an und wurde von der Lawine erfasst. Keine Chance etwas dagegen zu unternehmen, nichts war bei dieser Schnelligkeit möglich. Kein Schwimmen, keine Hände vor das Gesicht, kein Ziehen am Airbag.

 

Erst als die Fahrt zu Ende war, begriff ich, was mit mir geschehen war. Ich war unter einer Lawine. Eine Situation, die einen verzweifeln lässt. Nach 15 Minuten nimmt die Überlebenswahrscheinlichkeit rasant ab. Ich ging davon aus, dass mein Begleiter Josef auch in der Lawine feststeckte. Selbst wenn es ihn nicht erwischt hatte, war eine rechtzeitige Rettungsaktion vom Tal aus illusorisch. Ich schloss mit meinem Leben ab.

 

Die rettende Bergung

Nach einigen Minuten merkte ich an meinem rechten Fuß eine Bewegung. Ich, kopfüber in der Lawine, glaubte, dass uns eine weitere Lawine überrollte. Kurz darauf realisierte ich jedoch, dass jemand nach mir grub. Josef war nicht von der Lawine verschüttet worden und arbeitete sich zu meinem Gesicht vor. Bald war der Kopf frei, danach noch die linke Hand, und schon kroch ich mit Josefs Hilfe auf den Lawinenkegel. Es folgte die emotionalste Umarmung meines Lebens. Ich bin Josef zu aufrichtigem Dank verpflichtet. Ohne seine fachmännische Rettung würde ich nicht mehr unter den Lebenden weilen.

Josef hatte den Lawinenabgang von oben beobachtet. Er hoffte, dass ich die Lawine bemerkte und aus dem Hang fuhr. Mit Schreien wollte er mich warnen. Als von mir nichts mehr zu sehen war, zückte er unverzüglich sein LVS-Gerät und startete die Suche. Er rutschte am Lawinenhang ab, bis er bei 30 Metern das Erstsignal empfang. Danach ging die Distanzanzeige flink zurück. Im Bereich der Feinsuche hatten wir das Glück, dass meine rechte Sohle an der Oberfläche der Lawine zum Vorschein kam. Nun grub Josef um mein Leben.

 

Nachdem ich aus den Schneemassen befreit worden war, stellte ich fest, dass zwar mein linker Fuß schmerzte, ich aber sonst keine schweren Verletzungen erlitten hatte. Wir konnten ins Tal abfahren. Meine verbleibende Zeit in Kasachstan nutzte ich, um den Unfall aufzuarbeiten und meinen zweiten Geburtstag zu feiern.

 

Lawinenkurse besuchen und Verschüttetensuche trainieren

Zwei Dinge haben sich durch diesen Schicksalsschlag in mir besonders stark verankert. Zum einen bin ich überglücklich, dass ich noch am Leben bin. Zum anderen möchte ich allen, die Touren im winterlichen Gelände machen, ans Herz legen: Übt die Kameradenrettung! Ohne Josefs professionelle Hilfe hätte ich nicht überlebt. Besucht Ausbildungskurse, trainiert die Verschüttetensuche, setzt euch mit dem Thema Lawine auseinander. Gerade bei Lawinenunfällen zählen die ersten Minuten!

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