Grundsätzlich kann Wasser aus höher gelegenen Gebirgsbächen und Quellen bedenkenlos getrunken werden. Dennoch lohnt sich ein genauer Blick auf die jeweilige Situation. Entscheidend sind unter anderem die Art des Gewässers, die Gegebenheiten im Einzugsgebiet und mögliche Einflüsse durch Weide- oder Wildtiere.
Gebirgsgewässer unterscheiden sich in ihren Eigenschaften. Quellwasser stammt direkt aus dem Untergrund und weist meist ganzjährig eine konstante Temperatur auf. Aufgrund des geringeren Sauerstoffgehalts können sich Eisen oder Kalk am Gewässerboden ablagern. Gleichzeitig sind Quellen wichtige Lebensräume für hoch spezialisierte Tier- und Pflanzenarten.
Bei Bächen und Flüssen hängt die Wasserqualität stark vom jeweiligen Einzugsgebiet ab. Eine wichtige Rolle spielt beispielsweise, ob das Wasser aus einem Gletscher stammt, durch Wald oder Wiesen fließt oder ob das Gebiet beweidet oder anderweitig bewirtschaftet wird.
Fließende Gewässer verfügen über eine natürliche Selbstreinigungskraft. Durch die Bewegung wird Sauerstoff eingetragen, organisches Material abtransportiert und Sediment umgelagert. Dadurch entstehen günstige Bedingungen für angepasste Lebensgemeinschaften.
Auch Bergseen weisen in höheren Lagen meist eine sehr gute Wasserqualität auf und sind in der Regel nährstoffarm. Ihre Eigenschaften werden unter anderem durch die Verweildauer des Wassers, die saisonale Eisbedeckung und natürliche Prozesse im See beeinflusst.
Die Höhenlage macht einen Unterschied: In höheren Regionen ist der Einfluss des Menschen meist geringer. In tieferen Lagen nehmen Landwirtschaft, Infrastruktur und touristische Nutzung zu. Damit steigt auch der Druck auf die Wasserqualität. Allerdings sind auch Hochgebirgsregionen nicht grundsätzlich frei von Belastungen. Werden sie intensiv genutzt, können sowohl die Wasserqualität als auch die Wasserverfügbarkeit beeinträchtigt sein.
Beim Trinken von unbehandeltem Gebirgswasser können grundsätzlich zwei Arten von Risiken auftreten. Zum einen können Keime ins Wasser gelangen, etwa durch Naturdüngung oder Weidetiere, insbesondere Kühe. Zum anderen können natürliche Stoffe aus dem Gestein ins Wasser übergehen. Je nach Konzentration können solche Stoffe gesundheitlich problematisch sein.
Eine besondere Rolle spielt dabei die Weidehaltung. Wenn Weidetiere intensiver gehalten werden oder direkten Zugang zu einem Gewässer haben, können Keime aus dem Kot ins Wasser gelangen. Grundsätzlich gilt dies auch für Wildtiere, allerdings aufgrund ihrer geringeren Bestandsdichte deutlich seltener. Vereinzelt können auch Kadaver von Weide- oder Wildtieren nach Abstürzen oder Blitzschlägen Gewässer verunreinigen.
Ob Wasser problematisch sein könnte, lässt sich häufig an seinem Aussehen oder Geruch erkennen. Trübung oder unangenehmer Geruch können auf eine Verunreinigung hinweisen. Doch auch hier gibt es Ausnahmen. Gletscherbäche sind im Sommer aufgrund feiner Gesteinspartikel oft natürlich trüb, obwohl ihre Wasserqualität grundsätzlich unbedenklich sein kann. Umgekehrt kann auch klares Quellwasser belastet sein – etwa durch Keime aus nahegelegenen Weideflächen oder durch natürlich vorkommende Spurenelemente und Schwermetalle.
Dabei gilt: Die Menge macht das Gift.
Auch der Klimawandel wirkt sich auf die Gebirgsgewässer aus – sowohl direkt als auch indirekt. Längere Trockenperioden können dazu führen, dass Schadstoffe stärker konzentriert werden. Starkregen kann dagegen vermehrt Sediment, Feinschlamm und andere Stoffe in die Gewässer eintragen. Gleichzeitig fördern höhere Wassertemperaturen und stärkere Sonneneinstrahlung das Wachstum von Algen, Mikroorganismen und Biofilmen. Auch dies kann die Wasserqualität beeinflussen. Besonders problematisch ist das Zusammenspiel von Klimawandel und menschlicher Nutzung, beispielsweise durch Weidehaltung oder andere Einträge in die Gewässer.
Trockenheit und Starkregen wirken dabei auf unterschiedliche Weise: Während Trockenperioden Schadstoffe konzentrieren können, führen Starkregenereignisse häufig zu verstärkter Erosion, mehr Sedimenttransport und zusätzlichen Einträgen aus dem Einzugsgebiet.
Für Wandernde lässt sich eine einfache Grundregel ableiten: Klares und geruchsfreies Gebirgswasser kann grundsätzlich bedenkenlos getrunken werden. Da Wandernde meist nur kleinere Mengen und nicht über längere Zeit trinken, spielen mögliche natürliche Belastungen in der Regel keine große Rolle.
Auf Wasser sollte hingegen verzichtet werden, wenn sich Weidetiere im Einzugsgebiet befinden oder das Wasser auffällig riecht, trüb ist, Schaum bildet oder verfärbt erscheint.
Generell ist fließendes Wasser eher vorzuziehen. Es wird ständig erneuert und besitzt eine natürliche Selbstreinigungskraft.
Ob Wasser direkt an einer Quelle oder weiter bachabwärts entnommen werden sollte, hängt von der jeweiligen Situation ab. Bei größeren Quellen ist das Risiko einer Verunreinigung meist geringer als bei kleinen Quellaustritten. Wichtig ist deshalb, das Umfeld genau zu beobachten und auf mögliche Belastungsquellen zu achten. Ist das Einzugsgebiet überschaubar und weist das Wasser keine auffälligen Merkmale auf, kann es grundsätzlich getrunken werden.
Beim Umgang mit alpinen Gewässern tragen auch Wandernde Verantwortung. Das oberste Gebot lautet, Gewässer nicht zu verunreinigen oder zu verschmutzen. Auch unnötige Störungen sollten vermieden werden. Besonders kleine Quellen reagieren empfindlich auf Begehung oder Herumwaten und können dadurch über Jahre beeinträchtigt werden.
Der Schutz der Gebirgsgewässer ist heute wichtiger denn je. Sie stehen gleich mehrfach unter Druck. Die Folgen des Klimawandels – etwa Hitze, Trockenheit, Starkregen, Muren, Gletscherschmelze oder auftauender Permafrost – treffen sie besonders stark. Gleichzeitig verändern menschliche Eingriffe wie Wasserentnahmen, Verbauungen, Wasserkraft oder Hochwasserschutzmaßnahmen ihre natürliche Struktur.
Unberührte Gebirgsgewässer sind deshalb nicht nur für den Naturhaushalt von großer Bedeutung. Sie prägen auch das Landschaftsbild unserer Alpen.
Eine wichtige Rolle spielen auch Schutzhütten und eine funktionierende Wasserinfrastruktur. Sie gewährleisten die Verfügbarkeit von sauberem, behördlich kontrolliertem Trinkwasser. Möglich ist dies durch den Einsatz der Hüttenpächter*innen, der alpinen Vereine und vieler ehrenamtlicher Helfer*innen.
Wer in den Bergen unterwegs ist, denkt bei einem kleinen Bach oder einer Quelle vielleicht zunächst an Trinkwasser. Dabei sind selbst kleinste alpine Gewässer wertvolle Lebensräume.
Viele Wandernde sind überrascht, wie vielfältig das Leben in alpinen Gewässern ist. Selbst kleine Bäche und Quellen beherbergen eine erstaunlich große Zahl an Insektenlarven und anderen wirbellosen Tieren.
Kontakt: Mag. Dr. ao.Univ.-Prof. Leopold Fürederist Limnologe an der Universität Innsbruck und Vorsitzender der Naturfreunde Tirol. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Ökologie alpiner Fließgewässer sowie den Auswirkungen menschlicher Eingriffe und des Klimawandels auf Gewässerökosysteme.Tel.: 0512 507-51740, leopold.fuereder@uibk.ac.at