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Interview mit Wolfgang Khutter - Vorsitzender Stellvertreter

Seit 2010 ist Wolfgang Khutter stellvertretender Vorsitzender der Naturfreunde Wien und prägt die Entwicklung des Vereins maßgeblich mit. Als langjähriger Experte im Natur- und Umweltschutz verbindet er fachliche Kompetenz mit großer Verbundenheit zu den Naturfreunden. Im Gespräch blickt er auf seine bisherige Arbeit zurück, spricht über die Bedeutung des Ehrenamts und erklärt, warum Natur für ihn weit mehr ist als Erholung – nämlich eine Verantwortung, die uns alle verbindet.

 

Du bist seit 2010 stellvertretender Vorsitzender der Naturfreunde Wien. Was bedeutet dieses langjährige Engagement für dich?
Ich bin mit den Naturfreunden aufgewachsen. Viele meiner Freundschaften haben ihren Ursprung in meiner Zeit bei der Naturfreundejugend. Nicht zuletzt habe ich auch meine Frau bei einem Schiurlaub mit der Naturfreundejugend kennengelernt. Umso mehr freut es mich, dass ich nach so vielen Jahren noch immer etwas zur Weiterentwicklung des Vereins beitragen kann.

 

Was hat dich damals dazu bewogen, Verantwortung im Präsidium zu übernehmen – und was motiviert dich bis heute?

Ich war zuvor Umweltreferent, allerdings war dieses Referat damals nicht im Präsidium vertreten. Da Natur- und Umweltschutz aus meiner Sicht zentrale Anliegen der Naturfreunde sind, habe ich mich dafür eingesetzt, dass das Umweltreferat ins Präsidium aufgenommen wird. Irgendwann wurde ich dann gefragt, ob ich stellvertretender Obmann werden möchte. Bis heute sind es vor allem Umweltthemen, die mich motivieren, mich aktiv einzubringen.

 

Wie haben sich die Naturfreunde Wien in diesen Jahren verändert? Wo siehst du die größten Entwicklungen?

Es hat jedenfalls eine positive Mitgliederentwicklung gegeben. Außerdem ist aus meiner Sicht eine deutliche Verschiebung der programmatischen Schwerpunktsetzung gelungen: weg von einer starken Konzentration auf die Ortsgruppen, hin zu einer stärkeren Rolle der Landesorganisation.

 

Beruflich warst du viele Jahre im Umwelt- und Naturschutz der Stadt Wien tätig. Wie haben sich Beruf und Ehrenamt gegenseitig ergänzt?

In meinem Fall haben sich meine Tätigkeit beim Magistrat der Stadt Wien und mein Ehrenamt sehr gut ergänzt. Ich konnte viel Wissen und Erfahrung aus meiner beruflichen Arbeit in den Verein einbringen – sowohl im Hinblick auf Netzwerke als auch bei fachlichen Fragen und inhaltlichen Impulsen.

 

Du hast dich jahrzehntelang mit Natur- und Landschaftsschutz beschäftigt. Wie hat sich unser Umgang mit der Natur in dieser Zeit verändert?

Kurz gesagt glaube ich, dass der Zugang zur Natur deutlich „unnatürlicher“ beziehungsweise technischer geworden ist. Viel Wissen über natürliche Zusammenhänge scheint verloren gegangen zu sein. Selbst kleinste Lebewesen werden häufig eher als Bedrohung oder Gefahr wahrgenommen denn als Bereicherung. Ich habe den Eindruck, dass wir in einer Zeit leben, in der sich der Mensch tendenziell weniger als Teil der Natur versteht, sondern eher als ihr Gegenspieler. Das zeigt sich leider auch im öffentlichen Diskurs: In den Medien ist oft von „Naturgefahren“ die Rede, während Begriffe wie „Ökosystemleistungen“ kaum thematisiert werden.

 

Themen wie Biodiversität, Klimawandel oder Bodenverbrauch beschäftigen heute viele Menschen. Wo siehst du aktuell die größten Herausforderungen?

Wie so oft liegt eine der größten Herausforderungen im Diskurs selbst. Er ist über weite Strecken von Extrempositionen geprägt. Von vielen Seiten wird sehr stark schwarzgemalt und mit Katastrophenszenarien argumentiert. Extremismus ist jedoch nirgendwo hilfreich – schon gar nicht im Zusammenhang mit den großen Herausforderungen unserer Gegenwart und Zukunft. Wir müssen Wege finden, alle Verantwortlichen dazu zu bringen, das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen und an Lösungen zu arbeiten, die vielfach bereits bekannt sind.

 

Wien gilt als besonders grüne Großstadt. Was macht die Wiener Natur aus deiner Sicht so besonders?

Die Stadt Wien hat sich schon sehr früh – erstmals 1905 – dazu bekannt, dass Grünraum ein wesentlicher Bestandteil der Stadt ist. Dieses Bekenntnis wirkt bis heute nach. Immer wieder wurde der Beschluss zum Grüngürtel erneuert und die Stadtplanung entsprechend ausgerichtet.

 

Du warst unter anderem Koordinator der Wiener Wald- und Wiesen-Charta. Warum sind solche langfristigen Schutzmaßnahmen so wichtig?

Natur ist ein relativ träges System, das meist nur langsam auf Umwelteinflüsse reagiert. Deshalb ist es wichtig, langfristige Strategien zu entwickeln und umzusetzen. Nur so können wertvolle Grünräume erhalten bleiben, die Biodiversität in der Stadt gesichert und – wo möglich – sogar ausgeweitet werden.

 

Welche Rolle können die Naturfreunde heute beim Schutz der Natur übernehmen?

Aus meiner Sicht bedeutet das für die Naturfreunde, ihre pädagogische Rolle mit der Organisation naturverträglicher Reisen zu verbinden. Schließlich heißt es nicht umsonst: „Was man kennt, schützt man.“

 

Wie gelingt aus deiner Sicht der Spagat zwischen Natur erleben und Natur schützen?

Wenn es uns gelingt, bei unseren Mitgliedern ein starkes Bewusstsein für die Zusammenhänge in der Natur zu schaffen, sollte auch die Nachfrage nach nachhaltigen Reisen steigen. Hier könnten wir möglicherweise eine Lücke schließen und ein klares Alleinstellungsmerkmal entwickeln. Voraussetzung dafür ist natürlich eine durchdachte, durchgängige strategische Positionierung. Auf Basis unserer aktuellen Beschlusslage, die wir gemeinsam im Vorstand bei unserer Klausur erarbeitet haben, denke ich, dass wir genau auf dem richtigen Weg sind.

 

Was bedeutet Natur für dich persönlich?

Natur bedeutet für mich Respekt vor der belebten und unbelebten Umwelt. Dazu gehört auch das Bewusstsein, dass es in Mitteleuropa unterhalb der Baumgrenze praktisch keine ursprünglichen Naturräume wie Urwälder mehr gibt. Gerade deshalb ist es wichtig, in der bestehenden Kulturlandschaft Maßnahmen zur Steigerung der Biodiversität umzusetzen und zu respektieren.

 

Gibt es einen Ort in Wien oder Umgebung, der dir besonders ans Herz gewachsen ist?

Aufgrund meiner Liebe zum Mountainbiken ist das ganz klar der südliche Wienerwald.

 

Gibt es ein „Natur“-Erlebnis, das dich bis heute besonders geprägt hat?

Es ist weniger ein einzelnes Ereignis als vielmehr die Erfahrung, dass man in der Natur selbst auf vertrauten Wegen immer wieder Neues entdecken kann. In diesem Sinn ist Natur für mich ein wiederkehrendes Erlebnis – jedes Mal anders und immer bereichernd.

 

Was zeichnet die vielen Ehrenamtlichen der Naturfreunde Wien aus?

Die Ehrenamtlichen der Naturfreunde Wien zeichnen sich vor allem durch ihr großes Engagement für den Verein aus – verbunden mit viel Ausdauer und Hartnäckigkeit, wenn es darum geht, Ziele im Sinne der Naturfreunde umzusetzen.

 

Was würdest du jemandem sagen, der überlegt, sich ehrenamtlich zu engagieren?

Ich würde sagen: nicht lange überlegen, ob man sich engagieren möchte, sondern eher, wo man sich einbringen will. Dass unser Land so lebenswert ist, liegt nicht zuletzt daran, dass viele Ehrenamtliche ihre Freizeit für Vereine und Organisationen zur Verfügung stellen.

 

Worauf freust du dich in den kommenden Jahren bei den Naturfreunden besonders?

Ich freue mich darauf zu sehen, wie jüngere Generationen die Ziele der Naturfreunde auf ihre eigene Weise weiterverfolgen und weiterentwickeln. Meine Rolle sehe ich dabei darin, meine Erfahrungen einzubringen, ohne neue Entwicklungen zu bremsen.

 

Kaffee auf der Hütte oder Gipfeljause?

Das kommt darauf an, wie ich unterwegs bin: Als Biker genieße ich gerne einen Kaffee oder ein Bier auf der Hütte; als Wanderer gehört für mich natürlich die Gipfeljause dazu.

 

 

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