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Interview mit Ferri Gassner

Seine Verbindung zu den Naturfreunden reicht bis in die Jugend zurück: Ferri Gassner entdeckte früh den Orientierungslauf für sich. Heute engagiert er sich als Orientierungslaufreferent und erzählt, was diesen Sport so besonders macht.

Wie bist du zum Orientierungslauf gekommen?

Ich hatte meine allerersten Kontakte zum Orientierungslauf (OL) als Jugendlicher über meine Familie (einer meiner Cousins hat OL intensiv bei den Naturfreunden betrieben) und dann auch über meine Schule. Über die Schule oder die eigene Familie haben auch heute noch die meisten Einsteiger*innen ihren ersten Kontakt mit dem Orientierungssport.

 

Was fasziniert dich an dieser Sportart besonders?

Beim OL kann ich sportliche Aktivitäten mit einer mentalen Aufgabe kombinieren. Bei jedem Training oder Wettkampf gibt es neue Anforderungen. Da beim OL die Karten durch internationale Regeln genormt sind, kann ich mich nur mit Karte und Kompass in einem mir völlig unbekannten Gelände auf der ganzen Welt gut zurechtfinden. Das finde ich auch nach 45 Jahren OL noch immer unglaublich faszinierend.

Besonders schön finde ich auch, dass OL ein wirklicher „Lifetimesport“ ist: OL beginnt für Kinder mit spielerischen Übungen (z. B. Kinderfähnchenstrecken), bietet dann steigende Anforderungen für Kinder und Jugendliche im Alter von 10–20 Jahren mit Alterskategorien in 2-Jahresschritten, danach kann man OL auf dem höchsten Niveau meist von 21–35 Jahren betreiben. Und darüber hinaus kann OL bis ins höchste Alter ausgeübt werden. Bei OL-Bewerben gibt es ab 35 Jahren Alterskategorien in 5-Jahres-Schritten – in Österreich mittlerweile bis zu Senior*innen über 85.

 

Was macht den Orientierungslauf für Einsteiger*innen spannend?

Jeder OL kombiniert Bewegung mit einer Orientierungsaufgabe. Schon bei den ersten OL-Versuchen stellen sich sehr schnell Erfolgserlebnisse beim Finden der „Posten“ ein. Als Posten bezeichnen wir die Kontrollpunkte, die auf einer Karte eingezeichnet sind und im Gelände markiert sind. Der Einstieg kann über einen OL in einem kleinen Waldgebiet oder sehr oft auch über erste OL-Aufgaben in einem Park oder auf einem Schulgelände erfolgen. Egal wo der Einstieg stattfindet – das Erfolgserlebnis beim Finden eines Kontrollpunkts ist immer vorhanden.

 

Wie läuft ein typisches Training ab?

Von den Übungsleiter*innen werden Aufgaben vorbereitet, die an das Alter und die unterschiedlichen Vorerfahrungen der Teilnehmenden angepasst werden. Da OL sehr vielfältig ist, sind auch die Trainingsformen an die unterschiedlichen OL-Formen angepasst. Für Einsteiger*innen beginnt OL mit dem Kennenlernen der „Darstellung der Natur“ auf einer Karte und dem lagerichtigen Halten der Karte. Dann werden gemeinsam die ersten Kontrollpunkte gefunden und der Schwierigkeitsgrad der Aufgaben langsam erhöht.
Für Trainierende mit großer OL-Erfahrung werden die Streckenlängen erhöht und in einem bekannten Trainingsgelände auch spezielle Aufgaben angeboten – z. B. ein Lauf mit einer Karte, auf der nur Höhenlinien dargestellt sind, aber keine Wege und keine Vegetation.
Sehr wichtig ist es aus meiner Sicht, dass nach jedem Training immer eine kurze Nachbesprechung angeboten wird, bei der die Trainierenden die Möglichkeit haben, ihre positiven Erlebnisse, aber auch etwaige Schwierigkeiten zu besprechen.

 

Welche Fähigkeiten entwickelt man dabei?

Man lernt das sichere Bewegen in der Natur in bekannten und unbekannten Gegenden und verliert dadurch eine oft vorhandene Scheu vor dem „unbekannten Wald“. Beim OL lernt man auch das „Kartenlesen“, das heute durch digitale Navigationssysteme immer mehr in den Hintergrund gedrängt wird.

 

Was war dein persönliches Highlight im Orientierungslauf?

Da gibt es unzählige wunderschöne Momente beim Laufen in Wäldern und Dörfern in Europa von Skandinavien bis Süditalien und zu meiner Zeit als Leistungssportler auch weltweit von Amerika bis Australien.

Als Funktionär und Trainer sind für mich viele Erlebnisse als Gruppe und die Erfolge unserer Vereinsjugend bei nationalen und internationalen Bewerben in schöner Erinnerung.

Meine größten sportlichen Erfolge feierte ich bei der WM 1991 im benachbarten Tschechien, aber mein größtes persönliches Highlight ist sicher, dass ich meine Frau beim OL kennengelernt habe und meine beiden Töchter bei vielen internationalen OL-Wettkämpfen anfeuern und unterstützen durfte.

 

Welche Rolle spielt das Ehrenamt in deinem Bereich?

Ohne ehrenamtliche Mitarbeit würde unser Sport nicht funktionieren, da der Aufwand für die Erstellung der Karten und für die Organisation von Trainings und Wettkämpfen durch bezahlte Mitarbeit nicht finanzierbar wäre.

Orientierungslauf wird international auf hohem Niveau betrieben und ist eine sehr anerkannte Sportart, zählt aber nicht zu den olympischen Sportarten. Es ist dadurch schwieriger, große Summen durch Verträge mit Sponsoren zu erhalten.

Wir haben beim „Naturfreunde Wien Orienteering Team“ rund um den Vorsitzenden Thomas Radon das Glück, dass wir immer wieder Mitglieder finden, die sehr viel Freizeit investieren, um OL für andere zu ermöglichen. Ohne diesen Einsatz wären wir nicht seit Jahren der größte und erfolgreichste OL-Verein in Österreich.

 

Was würdest du jemandem sagen, der es einmal ausprobieren möchte?

Orientierungslauf ist eine faszinierende Sportart für alle Altersstufen, wo man Herausforderungen findet, die an das Alter und an seine körperlichen Fähigkeiten angepasst werden. „Orientieren“ mit Karte und Kompass kann man lernen – auch wenn man glaubt, keinen „Orientierungssinn“ zu haben.

Meldet euch bei uns und kommt zu einem Schnuppertraining!

 

Beim Naturfreundetag im September können Kinder und Erwachsene einen kleinen Orientierungslauf am Gelände der Kletterhalle Wien ausprobieren – warum lohnt es sich, das auszuprobieren?

Die Möglichkeit, unter professioneller Anleitung in einem abgegrenzten Areal in den Orientierungssport hineinzuschnuppern, kann der Beginn einer lebenslangen Leidenschaft sein. So wie auch ich, wurden viele Mitglieder der aktiven OL-Community vom „OL-Virus infiziert“ und sehen OL als die schönste naturverbundene sportliche Betätigung.

 

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