Seit über zehn Jahren ist Andreas Höllmüller als Radreferent bei den Naturfreunden aktiv und führt ehrenamtlich Mountainbike-Gruppen durch den Wienerwald. Im Gespräch erzählt er, wie aus einem einzelnen Angebot ein ganzes Programm wurde, worauf es beim Führen von Mountainbiketouren ankommt – und warum das größte Highlight oft der Flow auf einem schmalen Singletrail ist.
Andreas, wie bist du zum Mountainbiken gekommen – und wie zu den Naturfreunden?
Ich habe 1997/98 die Ausbildung zum Mountainbike-Instruktor gemacht – damals hieß das noch Mountainbike-Lehrwart. Danach hatte ich ein paar kurze Auftritte an Schulen, wo ich mit Kindern Mountainbike gefahren bin. Zu den Naturfreunden bin ich vor gut zehn Jahren über das Skitourengehen gekommen. Mir hat der Gedanke sehr gefallen, ehrenamtlich etwas anzubieten – also unentgeltlich und mit einem gesellschaftlichen Beitrag. Da habe ich mir überlegt, was ich beitragen kann, und bin auf meine Instruktor-Ausbildung gekommen.
Also bin ich auf die Naturfreunde zugegangen und habe gesagt: Das würde ich gern anbieten. Anfangs ist das durchaus mit Skepsis aufgenommen worden – es war gar nicht klar, ob man das in Wien überhaupt ins Programm nehmen will, weil man ja nicht überall mountainbiken darf und die Nutzung von Wegen nicht immer konfliktfrei verläuft. Nach ein paar Gesprächen habe ich dann die ersten Ausfahrten angeboten. Zuerst war ich in Wien der Einzige, der das für die Naturfreunde gemacht hat. Ich habe versucht, andere Mitglieder zu überzeugen, selbst die Ausbildung zu machen, und bei der Landesgeschäftsstelle nachgefragt, wer schon eine Guide-Ausbildung hat. Diese Leute habe ich angeschrieben und Kontakt gesucht – und so nach und nach ein Programm aufgebaut.
Erinnerst du dich an deine erste gemeinsame Ausfahrt mit einer Gruppe?
Ich erinnere mich vor allem daran, dass es gar nicht so leicht war, überhaupt Leute zum Mitfahren zu finden. Die Touren wurden ins Programm der Naturfreunde aufgenommen, trotzdem bin ich bei den ersten Ausfahrten ziemlich allein dagestanden und nur mit ein, zwei Leuten gefahren. Also habe ich Freunde und Bekannte, mit denen ich ohnehin biken gehe, überredet, zu den Naturfreunden zu kommen, damit überhaupt eine Gruppe zusammenkommt.
Dabei habe ich schnell gemerkt: Eine Gruppe zu führen ist etwas ganz anderes, als mit Freunden zu fahren. Man trägt mehr Verantwortung, muss sich viel genauer überlegen, wo man fährt, und einschätzen, wie gut die Leute fahren. Vorher mache ich einen Materialcheck, damit technisch alles passt. Ich erinnere mich an einen Teilnehmer, der mitfahren, aber keinen Helm aufsetzen wollte – den habe ich dann natürlich nicht mitgenommen.
Was unterscheidet das Tourenleiten vom privaten Fahren – und was muss für dich immer dabei sein?
Sicherheit geht einfach vor. Ein gut gewartetes, verkehrssicheres Mountainbike, dazu Helm, Handschuhe und Brille müssen immer dabei sein. Weil wir viele Trails fahren, sollte man zumindest grundlegende Mountainbike-Skills mitbringen. Einsteiger*innen sind willkommen – die haben wir immer wieder –, aber eine gewisse Sportlichkeit ist Voraussetzung. Dann kann man das auch gut lernen.
Wie läuft eine typische Mountainbike-Ausfahrt bei euch ab?
Eine typische Ausfahrt ist bei uns eine Halbtagestour im Wienerwald. Die Interessierten melden sich vorab bei mir an, damit ich abschätzen kann, wie viele kommen. Die meisten kenne ich, da weiß ich das Niveau. Wenn jemand neu dazukommt – wir kommunizieren über eine Signal-Gruppe –, telefoniere ich vorher zumindest einmal mit ihm oder ihr, um ein Bild zu bekommen: Wer kommt da, was sind die Erwartungen, wie gut fährt die Person? So kann ich die Strecke entsprechend wählen. Wir treffen uns dann meist in Hütteldorf, manchmal auch anderswo, und sind drei bis vier Stunden gemeinsam unterwegs.
Neben den Halbtagesausfahrten gibt es auch Tagestouren, Ausflüge in Trailparks und Techniktrainings – für Einsteiger*innen wie für Fortgeschrittene. Früher haben wir außerdem Kinder- und Jugendtrainings angeboten, vor allem als meine eigenen Kinder noch kleiner waren. Da hat das gut gepasst.
Worauf achtest du besonders bei der Routenplanung?
Ich gebe vorab bekannt, wie lang die Tour wird. Eine Halbtagestour ist bei uns in der Regel 20 bis 30 Kilometer lang, mit 500 bis 700 Höhenmetern. Die Teilnehmer*innen sollen wissen, was sie erwartet, und sich entsprechend einschätzen können. Das Tempo ist moderat, und ich wähle die Touren so, dass sie herausfordernd, aber für alle schaffbar sind. Schaffbar heißt auch: Wer eine Stelle nicht fährt, schiebt eben ein Stück – das ist keine Schande, im Gegenteil, es zeugt von guter Selbsteinschätzung. Mir ist wichtig, dass alle eigenverantwortlich agieren; niemand soll etwas hinunterfahren, wo er oder sie sich nicht sicher fühlt.
Ich persönlich fahre lieber schmale Singletrails als Forstwege – davon kenne ich im Wienerwald sehr viele, und genau das ist der Mehrwert dieser Ausfahrten. Die Routen sollen abwechslungsreich und fordernd sein und vor allem Spaß machen. Im Wienerwald muss man das Ganze auch ein bisschen vom Wetter abhängig machen: Nach viel Regen gibt es Strecken, die man kaum fahren kann, ohne komplett zu verschlammen – die ärgsten lasse ich dann aus.
Was macht Mountainbiken für dich im Vergleich zu anderen Sportarten so besonders?
Mountainbiken macht einfach Spaß und ist unglaublich vielseitig – man trainiert den ganzen Körper, ist im Wald und in der Natur unterwegs und hat viel weniger Berührungspunkte mit Autos als etwa beim Rennradfahren. Ich wohne in Hütteldorf und bin in fünfzehn Minuten im Wald, das geht also sehr spontan. Man braucht nur das Rad und die entsprechende Ausrüstung. In Wien, zumindest im Westen, kann man wirklich gut mountainbiken. Man trainiert Kraft, Koordination und Konzentration, kann sich richtig anstrengen oder gemütlich fahren und dabei ratschen – je nachdem, wie man die Tour anlegt.
Gibt es einen Moment auf Tour, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Am schönsten sind die Momente, in denen ich so richtig in den Flow komme. Das passiert meistens auf Singletrails, die fordern, aber nicht überfordern. Mit mittlerem Tempo kommt man richtig schön ins Fahren, nimmt die Kurven, macht kleine Sprünge – und freut sich einfach, wenn alles sitzt. Das ist für mich eines der absoluten Highlights beim Mountainbiken. Und es ist kein einmaliges Erlebnis: Dieser Flow kommt immer wieder.
Hast du einen Lieblings-Trail?
Einen speziellen Lieblings-Trail habe ich gar nicht. Es gibt einige, die ich gern mag, aber wichtig ist mir vor allem die Abwechslung.
Was macht es für dich besonders, gemeinsam draußen unterwegs zu sein?
Ich finde es schön, einfach gemeinsam aktiv zu sein. Das gibt dem Ganzen eine gemeinsame Richtung: Man hat dieselben Interessen, begeistert sich fürs Gleiche und erlebt es zusammen. Ein bisschen kompetitiv ist es auch. Während der Fahrt kommt man mit verschiedenen Leuten ins Gespräch, und wenn es bergab geht, ist man wieder für sich, ganz auf den Moment und aufs Rad bezogen.
Sicherheit spielt beim Mountainbiken eine große Rolle – was ist dir hier besonders wichtig?
Man sollte immer die für den Einsatzort richtige Ausrüstung haben. Auf Tour heißt das: Helm, Handschuhe und Brille; im Trailpark zusätzlich Protektoren. Und das Rad sollte immer gut gewartet sein. Genauso wichtig ist, sich realistisch einzuschätzen – also nur so schnell und so steil zu fahren und nur so viel zu riskieren, wie man wirklich unter Kontrolle hat.
Fordern darf man sich, aber es soll immer spielerisch bleiben. Im Zweifel steigt man ab oder verzichtet auf eine Abfahrt. Verletzen kann man sich nämlich durchaus.
Welche Tipps gibst du Einsteiger*innen mit auf den Weg?
Ein Mountainbike braucht man natürlich – wobei ich empfehlen würde, zuerst verschiedene auszuprobieren, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was man eigentlich will. Sucht das Gespräch mit Leuten, die schon biken gehen, findet Partner*innen zum Fahren oder schließt euch einer Gruppe mit gemeinsamen Ausfahrten an – das macht einfach mehr Spaß. Und es muss nicht immer das teuerste, leichteste Rad sein. Gewicht ist sowieso überbewertet - wichtiger ist das ihr euch sicher darauf fühlt. Am Anfang weiß man ja noch gar nicht genau, was man tut, und wird ohnehin irgendwann nochmal investieren.
Mein wichtigster Tipp ist deshalb: einfach in den Sport hineinschnuppern und langsam herausfinden, was einem Spaß macht.
Was wünschst du dir für die Zukunft des Radangebots bei den Naturfreunden?
Ich wünsche mir, dass das Radangebot wächst und vielseitiger wird. Ich möchte gerne jüngere Leute als Guides gewinnen – die leben den Sport anders. Und ich würde gerne Gravelbike-Aktivitäten ins Programm aufnehmen.
Bergauf oder bergab?
Eindeutig bergab – beim Bergauffahren motiviere ich mich damit, dass es irgendwann auch wieder eine schöne Abfahrt gibt.
Ohne was gehst du nie auf Tour?
Helm, Handschuhe, Brille, Multitool
Dein bester „Ehrenamt-Moment“?
Wenn ich sehe, wenn Leute eine persönliche Challenge meistern – und ich einen Beitrag dazu leisten konnte.